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das buch

Geträumte Träume



„Nicht der ist zu bedauern, dessen Sehnsucht nicht in Erfüllung geht, sondern der, der keine mehr hat.“
Maria von Ebner-Eschenbach

Der Herbstregen verdichtete sich. Im zwölften Stock des gläsernen Bürokomplexes schaltete die Automatik das Hauptlicht im Flur aus. Die überdimensionalen Fenster gaben ihren Blick nun frei in die Dunkelheit dort draußen. Als kämpfte die Stadt gegen die Nacht, streckten sich die Lichterkegel nach dem Himmel, glitzerten zitternd auf dem schwarzen Fluss, der sich einen Weg aus dem Flimmern Londons zu suchen schien.
Joern saß noch immer an seinem Arbeitsplatz. Müde. Die wichtigen Din-ge waren abgeschlossen, seine Kollegen fort ins Wochenende oder zu Benoits House-Warming-Party. Die Telefone im Großraumbüro schwiegen. Er wühlte in einer Schublade nach etwas, womit er sich hinter dem Ohr kratzen konnte. Dort, wo der Hals in den Kopf überging und seine Schattengedanken versuchten, sich festzukrallen. Diesmal aber nicht abzukratzen waren.
In den letzten Wochen hatte Joern viel geredet, er war an diesen Tagen zufrieden mit sich und der Arbeit, sein Projekt ging voran. Es waren erfolgreiche Worte aus seinem professionellen Fundus. An Freitagen wie diesem suchten seine anderen Worte, die wichtigeren, wie er fand, ihren Empfänger. Heimatlos. Seine Exfrau hatte sich als Gesprächspartnerin schon vor Jahren verabschiedet, die Kinder, die erst in 7 Tagen ihr Wochenende wieder bei ihm verbringen würden, konnten diese Sehnsucht nicht stillen. Heute graute es ihm vor dem bevorstehenden Wochenende. Er war einsam in einem Land, in dem er sich zwar wohl, aber auf unscharfe Weise noch immer fremd fühlte.
Er hätte einfach nach Hause gehen können.
Oder doch zu Benoits Fest? Die Einladung seines französischen Kollegens, der im gleichen Londoner Stadtteil wie er endlich eine Wohnung gefunden hatte, hatte er schon vor Tagen dankend abgesagt. Small-Talk konnte Joern, wenn überhaupt, nur im Büro ertragen. Der schale Beigeschmack, den diese Feiern bei ihm im hinterließen, war auch von dem letzten Mal nicht abgeklungen. Meist ging er bei diesen Anlässen spät nachts nach Hause. Alleine, angetrunken – der Einsamkeit wegen, wie er sich selbst analysierte. Wenn eine Frau mit ihm die Party verließ, was selten vorkam, gab es entweder bedeutungslose Gespräche ohne zärtliche Nähe, oder aber lang aufgestaute Lust ohne wesentliche Kommunikation. Nichts von alledem wünschte er sich. Es ging ihm nicht um körperlich Liebe, diese könnte er in mannigfaltigen Formen vielfach käuflich erwerben. Joern wollte nicht kaufen, sondern verschenken. Seine Zärtlichkeit, seine Gedanken und Worte.
Er fuhr mit der Picadilly-Line nach Hause, die wegen des Wetters noch überfüllter als an anderen Freitagen war, stickiger und beängstigend.
In der dickflüssigen Menschenmenge hatte er plötzlich sein ganzes Leben satt, nicht nur wegen der inneren Leere, die er in sich wachsen fühlte, sondern auch, weil der Eindruck nicht weichen wollte, dass es immer anstrengender wurde, einen Sinn in allem zu finden. Früher einmal hatte er in seiner Arbeit einen Halt gefunden. Aber das war jetzt anders.
Seine Wohnung empfing ihn kalt. Es würde eine zeitlang dauern, bis die Heizung höher gestellt und die Räume wärm würden. Jörn tauschte seinen Anzug gegen Jogginghose und Pullover. Ihm war nach einem Bier oder ein Glas Rotwein zumute. Lieber Tee, der würde das Warten auf die Wärme ver-kürzen. „Herb Tea, creates a lullaby flavour to soothe your senses. This all natural, gentle cup of tea lets you curl up under a quilt of flavour and quiet the tensions of the world. There´s no calm like the sight from the spirit when you take this moment for rest and reflection“. Stand auf der Packung. Eine Empfehlung von Benoit.
Benoit, oder Ben wie seine Freunde ihn nannten, hatte vor zwei Tagen das Internet als die Begegnungsstätte der Zukunft propagiert. In dem Pub um die Ecke, das deutsches Bier vom Fass anbot, stellte er nach der Arbeit engagiert das Konzept der „Mailing-Liste“ vor. Die Idee einer solchen Liste sei einfach und spannend: man melde sich an, bekomme ab dann jedes Email dieser Gruppe in seinen elektronischen Postkorb geliefert. Wenn man sich beteiligen wolle, schrieb man zurück, die Liste verteile wieder alles an jeden Teilnehmer. Es gebe mittlerweile Unmenge solcher Listen von allen möglichen Interessengruppen, selbst Singlegemeinschaften existierten, dozierte Ben. Er wirkte schlacksig, pendelte jedes Wochenende zu seiner Freundin nach Lille. Jeden Monat kam er mit einer neuen Designerbrille ins Büro. Sein Nebensatz, später beim Bierholen, „das wäre doch auch mal was für dich“ verunsicherte Joern, machte ihn wütend. War war offensichtlich, dass er keine neue Freundin fand. Seine gelegentliche Verzweiflung darüber auch? Am Arbeitsplatz wollte er nicht flirten, Kolleginnen waren tabu. Der Hausordnung wegen. Wenn es außerhalb des Büros Kontakte gab, waren alle glücklich und verheiratet.
Kamille, Pferrerminze, Zitronenmeslisse und Orange. Der Tee dampfte vor sich hin, musste aber noch einen Moment ziehen.
„So weit ist es also mit mir gekommen“. Je länger er darüber sinniert, desto trister erschien es ihm. Die Wohnung wurde nur langsam warm, zum Glück stand sein Sofa neben der Heizung. Der Regen hörte nicht auf, gegen die Scheiben zu rauschen.
Eine Brieffreundschaft war auch nicht das, wonach Joern sich sehnte, mit Kontaktanzeigen wollte er nichts zu tun haben.
Aber ein Flirtversuch in der virtuellen Welt? Was gab es denn schon zu verlieren? Er inhallierte den Duft. Heiß. Genau richtig der Tee, dachte Joern, trank vorsichtig, Langsam wurde es wärmer.
Schließlich meldete er sich an dem blassblauen Bildschirm an, nach ein paar Minuten leuchtete dort die Anmeldebestätigung zur Email-Flirt-Liste.
Er ließ den Rechner angeschaltet, als er in die Küche ging, um sich sein Abendbrot zu machen, Toast mit italienischem Schinken, dazu Rotwein. Ein Glas oder die ganze Flasche, wen interessierte das schon.
Als Joern eine dreiviertel Stunde später in sein Emailfach blickte, waren bereits zwei Schreiben von der Liste eingetroffen. Nichts aufregendes, aber gut, um sich in die Gepflogenheiten einzufinden: Kommentare wurden mit Namen versehen in den empfangenen Text eingesetzt und zurückgeschickt. So entstand im Laufe der Zeit ein nachvollziehbarer Dialog. Jörn schmunzelte bei einigen Bemerkungen, das Weinglas stand neben dem Bildschirm. Mittlerweile war es warm geworden, der Pullover lag hinter ihm auf dem Sofa, den Teller mit den Toastkrümmeln hatte er noch nicht in die Küche gebracht.
Bis spät in die Nacht kamen weitere Schreiben an, es wurden Themen erkennbar. Im Radio lief sein Lieblingsprogram, Jazz auf 102.2FM. Die einen erwarteten eine Form von sexueller Erregung via EMail, anderen waren die nachdenklichen, mitunter philosophischen Gedanken zum Thema Liebe, Beziehung und Partnerschaft zu abgehoben. Lächeln und Nachdenken, eine gute Mischung, fand Joern, vieles erinnerte ihn an sich selbst. Das Wochenende würde nicht in wortlosem Unmut versinken. Was sind das für Menschen, wie sehen sie aus, wie leben sie? Er fühlte sich mit ihnen verbunden, als er ein-schlief.
Am Sonntagnachmittag sprang ihn ein Gedanke an, der ihn anregte, vom stillen Mitleser zum Teilnehmer zu werden.
Keiner der Mitflirter hatte sich jemals gesehen, geschweige denn kannten sich persönlich. Alles virtuell. Ungewohnt. Aber anregend. Selbst im Büro die folgenden Tage über. Ein Email war schnell geschrieben, das fiel im Geschäftstreiben nicht weiter auf. Das seine IT Kollegen möglicherweise mitlasen, störte ihn nicht, er war der einzige Deutsche. Diese Liste lief in deutscher Sprache auf einem Server irgendwo in der Bundesrepublik, das interessierte keinen. Die Teilnehmer kamen von Flensburg bis Konstanz. Entfernung spielt in Computernetzen keine Rolle. Als Deutscher in London war er die Ausnahme.
Am Mittwoch stellte sich Asta vor, die auch aus dem Ausland schrieb.

-----Original Message-----
From: Asta [SMTP:AstaTesse@yahoo.de]
To: emailflirt@webgroup.de
Subject: Re: AW: Analyse + neu hier

[Asta] Hallo alle zusammen, also, ich bin neu hier. Ich verfolge Eure Diskussionen jetzt seit ein paar Tagen und wollte mich nun doch mal einmischen...Ich bin gerade 31 geworden und lebe im Moment nicht in Deutschland.
[Klaus] Ich lasse mich gerade in Flirts gern gehen, stehe aber danach ungern dumm im Nebel.
[BeBe] aber genau das bringt doch eine Menge Möglichkeiten, wenn man sich traut, den Kopf auszulassen und das Gefühl einfach auszu-leben, das Kribbeln im Bauch zu spüren, von einer Berührung wie e-lektrisiert zu sein.
[Klaus] Das stimmt. Den Kopf lasse ich auch während des Flirts au-ßen vor. Die Gedanken kommen erst später, wenn ich allein bin. Ich möchte herausbekommen, was mich an der jeweiligen Frau so faszi-niert, ob es nur Äußerlichkeiten sind, oder eine sonstige erotische Fasson. Wenn die Frau aus irgendeinen Grund gefährlich werden könnte, dann würde ich den Flirt gern beenden wollen.
[BeBe] wau - na das ist doch genau das was ich meine – sich einfach mal auf sein Gefühl verlassen schmunzel. ob die Herdplatte heiß ist, wirst Du erst erfahren, wenn du daraufpatschst.
[Asta] Genau das meine ich auch. Dadurch wird für mich ein Flirt erst ein echter Flirt... Wenn man nämlich selber auch nicht so genau weiß, was einen an dem anderen fasziniert. Aber dieses kribbeln im Bauch ist doch so schön! und was heißt gefährlich werden? Wenn man vorher schon weiß was werden wird, dann ist es doch nur noch halb so spannend. Wenn man aber nicht weiß, ob das eben nur ein harmloser Flirt war, so für den einen Abend oder ob man sich viel-leicht ganz schrecklich in den anderen verlieben wird, dann ist es doch super-spannend. genau das macht es für mich aus. Ciao, Asta


 

    
 
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